Unmoralischer Neubürger im Pendelnest
Der kleine Vogel mit der schwarzen Augenbinde sieht vielleicht aus wie eine Meise und mag auch so heißen, aber er ist der Vertreter einer ganz eigenen Vogelfamilie. Und er ist ein Einwanderer. In Hessen brüten Beutelmeisen erst seit Mitte der siebziger Jahre. Von Osten her kommend haben sie sich entlang den Fluss-Systemen ausgebreitet und 1987 wohl erstmals den Main-Taunus-Kreis erreicht. Heute brüten sie in wechselnder Zahl in Auwaldresten entlang dem Main und in den Kiesgruben der Mainebene. Dort bewohnen sie anders als die Kreuzkröte nicht die frischen, noch in Betrieb befindlichen Abgrabungen, sondern jene Gruben, die schon längere Zeit stillstehen. Denn für ihr kunstvoll gebautes Beutelnest und die Nahrungsversorgung der Jungen brauchen die Vögel Baum- und Buschbewuchs, vornehmlich Weiden und Erlen, und außerdem Schilf oder Rohrkolben.
Das flauschige Nest, das ein bisschen wie eine alte Wollsocke im Baum aussieht, hat im Liebesleben der Beutelmeisen entscheidende Bedeutung. Mit Pflanzenfasern und später im Jahr auch mit der Samenwolle von Weiden, Pappeln oder Rohrkolben bauen die Beutelmeisen-Männchen zu Beginn der Brutsaison im März mehrere Nester. Ein ankommendes Weibchen prüft dann zunächst, ob das Männchen überhaupt als Architekt und Vater infrage kommt. Wenn er diese Prüfung bestanden hat, besetzt sie das am besten isolierte Nest. Das Männchen wiederum hofft darauf, noch weitere Weibchen anzuziehen und sich auch mit diesen zu verpaaren. Die Weibchen ihrerseits verlassen nicht selten nach der Eiablage das Nest, um in einiger Entfernung (nachgewiesen sind 200 km!) mit einem zweiten Männchen noch im selben Jahr eine weitere Brut zu beginnen. Wenn dieses Verhalten sich auch nicht mit herkömmlichen, allzu menschlichen Vorstellungen von monogamer Dauerehe deckt, so hat diese flexible Paarungsstrategie den Beutelmeisen doch zu einem beträchtlichen Erfolg bei der Ausdehnung ihres Verbreitungsgebietes verholfen.